Glatte und gekerbte Räume

Mit dem Verhältnis zwischen den im Raum befindlichen Menschen und der ihnen gegenüberstehenden Ordnungssystematik beschäftigen sich Gilles Deleuze und Félix Guattari in ihrem Buch „Tausend Plateaus“. Darin stellen sie stellen einem „gekerbten Raum“ – der durch Grenzen und Reglementierungen bestimmt ist, den Raum der Sesshaft(gemacht)en –  einen „glatten Raum“ – der durch Offenheit bestimmt und grenzenlos ist, den Raum der Nomaden – entgegen. Während sich im „gekerbten Raum“ durch die Auf- und Zuteilungen von Territorien, Normierungen von Verhaltenswiesen sowie Berechnungen von Eigentum eine einengende Territorialisierung und Subjektivierung vollzieht, vollziehen sich im „glatten Raum“ Öffnungen, Deterritorialisierungen, Möglichkeiten und Vielheiten von Verhaltensweisen.

Für Deleuze/Guattari ist der „gekerbte Raum“ ein Sinnbild für einen Raum „der vom Staatsapparat geschaffen wird.“ Dieser Raum erschafft Einschließungsmilieus und die dazugehörigen ordnungssystematischen Raumgefüge mit einer politischen Staatsgewalt, Polizei, Zollämtern, Mauern, Einfriedungen, Grenzen, Verwaltungen, Gefängnissen oder der Kontrolle der Verkehrswege, Waren und Menschen. Diese Einschnitte im Raum kontrollieren gleichzeitig Bewegungsfreiheit und filtern das Eindringen von Waren und Menschen. Jeder Punkt im gekerbten Raum hat seine fixe Bedeutung, ist strukturiert und strukturierend. Das territoriale Denken entsteht durch eine identitätsstabilisierenden Gegenüberstellung von Innen und Außen: „Staat bedeutet Souveränität. Aber die Souveränität herrscht nur über das, was sie verinnerlichen, sich räumlich aneignen kann”(Deleuze/Guattari, Tausend Plateaus: 494).

Aber nicht nur Verortungen, Verkehrswege – die den Menschen ihren Platz anzeigen oder sie von einem Einschließungsmilieu zum nächsten bringen – oder die Regelungen wer Innen oder Außen ist spielen eine wichtige Rolle bei der Definition von territorialen Herrschaftsbereichen, sondern auch die Wegweiser, in Form von Sprache und Schrift, die mit territorialer Übertragungsmacht ausgestattet sind. Sie dienen zur territorialen Ansprache und Festlegung von identitären Verortungen, zur Fusion von Territorium und Bewohner. Sowie durch die Keilschrift dem Stein oder durch den Kerbschnitt dem Holz ein Wille aufgezwungen wird, so verhält es sich auch mit den territorialen Ansprachen oder Anrufungen im gerbten Raum – überall Schilder, Werbetafeln, Wegweiser oder sonstige Willensbekundungen zur Anerkennung einer bestimmten symbolischen Ordnung. In der symbolischen Ordnung dieser Räume drückt sich ein Ensemble von Gegensatzpaaren wie breit/schmal, weit/nah, innen/außen etc. als Wahrnehmungskategorien aus. Durch die eigene Wahrnehmung, entweder hier oder dort zu sein, entstehen gleichzeitig Ausschlussmechanismen und identitäre Selbstplatzierungen. Das heißt, durch die Selbstbetrachtung, durch die Spiegelung des eigenen Standpunktes verfestigen sich Differenzen, indem man sich in Relation zu allem anderen bewegt. Dadurch wird der gekerbte Raum ein geschlossener, definierter Raum, der begrenzt und begrenzend ist. Für Lacan ist eine zentrale Denkfigur bezüglich der Einführung in die symbolische Ordnung der „große Andere“, der „im Namen des Vaters“ spricht – also das Nicht-Ich. Der „große Andere“ ist zum Beispiel im Staat und seinen Anrufungen verkörpert, die uns in die symbolische Ordnung des Sozialen einführen, die Normen, Werte, Regeln oder Verbote benennen oder regulieren. Der Sozius wird dadurch zum Beschrifter:

„Die primitive Territorialmaschine codiert die Ströme, besetzt die Organe, kennzeichnet die Körper. Inwieweit zirkuliert und getauscht wird, bleibt zweitrangig gegenüber der Aufgabe, die alle anderen umfasst: die Körper, die solche der Erde sind, zu kennzeichnen. Die Essenz des Sozius als Aufzeichner und Beschrifter besteht, insoweit er sich die Produktivkräfte aneignet und die Produktionsagenten aufteilt, in Folgendem: zu tätowieren, auszuschneiden, einzuschneiden, abzutrennen, zu skarifizieren, zu verstümmeln, zu umzingeln, einzuweihen. (…) es geht darum, dem Menschen ein Gedächtnis zu machen; (…) ein Gedächtnis von Worten/Reden (paroles) und keines der Sachen mehr, ein Gedächtnis von Zeichen und keines von Wirkungen mehr. Diese Organisation, die das Zeichen direkt in den Körper eingraviert, ist das System der Grausamkeit, das furchtbare Alphabet“ (Deleuze/Guattarie, Anti-Ödipus: 183f).

Deleuze/Guattari bringen den Umstand, dass keine Bedeutung ohne Bezeichner entstehen kann, auf folgende Formel: „keine Signifikanz ohne despotisches Gefüge, keine Subjektivierung ohne autoritäres Gefüge, keine Vermischung beider ohne Machtgefüge“ (Deleuze/Guattari, Tausend Plateaus: 248).

der gekerbte raum

Der glatte Raum hingegen wird zu dem was ihn ausfüllt. Wie das Wasser das Meer ausfüllt oder der Sand die Wüste, füllt im glatten Raum eine Ansammlung von Nachbarschaften eine Zone von Ununterscheidbarkeiten aus. Hier dienen Orientierungspunkte lediglich als Möglichkeiten Wege im Dazwischen festzulegen. Nomaden „bewegen sich auf Linien oder geht von Punkt zu Punkt. Aber im Gegensatz zum Sesshaften sind diese Punkte den Wegen untergeordnet: Die Wasserstellen sind nur dazu da, um wieder verlassen zu werden“ (Deleuze/Guattari, Tausend Plateaus: 522f). Wie in einem ein Fraktal können im glatten Raum immer wieder offene, grenzenlose Räume entstehen in denen Entfernungen zwischen Orientierungspunkten zurückgelegt werden, die sich aber auch mit jedem Schritt verwischen und verschieben können.

Im glatten Raum wird nicht einfach das Innen nach Außen oder das Außen nach Innen gebracht, sondern wenn das Innen in das Außen gelangt bleibt es leer, weil kein despotisches Gefüge herrscht. Es existiert nur Distanz, Abwesenheit und Leere.

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