Heterotopien und ihre ordnungssystematischen Funktionen

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Michel Foucaults Begriff der Heterotopie [hetero (andere) und topos (Ort)] ist eine Möglichkeit, die Welt in der wir leben, die Räume, in denen wir uns bewegen, zu verstehen. Heterotopien sind Räume, die in besonderer Weise gesellschaftliche Verhältnisse repräsentieren, indem sie mehrere Räume an einem einzigen Ort vereinen und zueinander in Beziehung setzen.

Merkmale von Heterotopien

Foucault definiert in seinem Text „Der Ariadnefaden ist gerissen“ Heterotopien als

„wirksame Orte, die in die Einrichtung der Gesellschaft hineingezeichnet sind, sozusagen Gegenplatzierungen oder Widerlager, tatsächlich realisierte Utopien, in denen die wirklichen Plätze innerhalb der Kultur gleichzeitig repräsentiert, bestritten und gewendet sind, gewissermaßen Orte außerhalb aller Orte, wiewohl sie tatsächlich geortet werden können.“

Heterotopien können mehrere Orte, die normalerweise nicht nebeneinander existieren, an einem Ort vereinen. Für Foucault bringt uns die Betrachtung von Heterotopien zu den Idealbildern einer Gesellschaft. Sie zeigen uns die ordnungssystematischen Bedeutungen des Raumes, der Kultur bzw. der Einschließungsmilieus.

Einschließungsmilieus

Gemeint sind Gefängnisse, Kindergärten, Schulen und Fabriken, Einfamilienhäuser oder Wohngemeinschaften in denen eigene Kontrollmechanismen und Bestrafungsrituale vorherrschen oder das „richtige“ Wissen abgefragt wird. Foucault charakterisiert Heterotopien dadurch, dass sie in einer jeweiligen Kultur, zu einer bestimmten Zeit, eine bestimmte Funktion erfüllen. So setzten Heterotopien auch ein System der Öffnung und Abschließung voraus, welches durch einen erzwungenen Eintritt oder durch ein Eingangsritual hergestellt wird. Der Zweck solcher Heterotopien ist es, einen kompensatorischen Raum zu schaffen, der eine vollkommene Ordnung aufweist, welche die Unordnung des realen Raums ausgleichen soll. Gleichzeitig bedeutet dies, dass Heterotopien illusionäre Räume sind, welche die realen Räume als noch größere Täuschung erscheinen lassen.

Das heißt, Heterotopien dienen der Befriedung des Sozialraums und stabilisieren die gesellschaftliche Ordnung, indem sie das Ausgeschlossene an einem anderen Ort konzentrieren.

Fremd- und Selbstüberwachung

Die Typisierung von Heterotopien ermöglichte Foucault eine Analogie der Art und Weise zu beschreiben, wie wir regiert und diszipliniert werden bzw. wie wir uns selbst regieren und disziplinieren. In den Heterotopien besteht das Prinzip des gegenseitigen Überwachens und das Prinzip Subjekte des Sehens und Objekte des Gesehen-Werdens zu trennen. Die Architektur in den jeweiligen Heterotopien schafft hierbei allzu oft eine Situation der Vereinzelung – der Lehrer, der Vorarbeiter der uns über die Schulter schaut, die Professoren oder Pfarrer die im Hörsaal oder von der Kanzel aus uns mit Blicken maßregeln oder die Gefängniswärter die jederzeit freie Sicht in die Zellen haben, ohne dabei gesehen zu werden. Aber auch im öffentlichen Raum sind wir der ständigen Überwachung ausgesetzt. Durch den permanenten Beobachtungszustand setzt automatisch die Selbstmaßregelung ein – „verhalte ich mich richtig, beachte ich alle Regeln….?“ So entsteht ein internalisierter Zustand der Selbstüberwachung. Es ist nicht mehr wichtig ob die Überwachung tatsächlich stattfindet, es reicht die Vorstellung der Überwachung. Durch dieses Prinzip werden auch die Sehenden zu Gesehenen. Es entsteht eine Gesellschaft überwachter Überwacher_innen und abweichendes Verhalten wird sanktioniert. Strafbar ist dabei „alles, was nicht konform ist“ und die Sanktionen wirken „normend, normierend, normalisierend“ wie Foucault in „Überwachen und Strafen“ schreibt.

Handlungsrituale

Die Benimmregeln innerhalb der jeweiligen Heterotopien dienen zur Orientierung innerhalb der Gesellschaft und ermöglichen uns innerhalb dieser einen Platz zu suchen bzw. weisen uns einen Platz zu. Das heißt, wir befolgen nicht einfach ein paar Regeln, sondern wir verkörpern diese Regeln im unserem Tun. In diesen „Handlungsritualen“ (Judith Butler) stellen wir über die ritualisierte Festlegung von Tätigkeiten, Gesten, Bewegungen sowie durch Zeitpläne und Wiederholungszyklen eine genaue Codierung unseres Verhaltens her.

Die Zeitplanungen innerhalb der Einschlussmilieus [z.B. Mittagessen oder Schichtplan], die Festsetzungen von Rhythmen oder Ritualen [z.B. erst Hände waschen; dann essen, exerzieren, Gutenachtkuss], die Regelungen der Wiederholungszyklen [z.B. 9-17 Uhr, Mo-Fr] und der Zwang zur Verrichtung spezieller Handlungen [z.B. Fließbandarbeit, Gebet], stellen eine systematische Minimierung der freien Zeit innerhalb von Einschließungsmilieus her. Die zeitliche Zerlegung von Handlungen verzahnt „Körper/Waffe, Körper/Instrument, Körper/Maschine“ (Michel Foucault) und wir verschalten uns mit einer Idee, dem Produktions- oder Reproduktionsapparat, mit Institutionen bzw. mit dem Einschließungsmilieu. Wir werden zur Familie, zu Lohnarbeiter_innen, zu Christ_innen oder Soldat_innen.

Mittels der Durchsetzung des zur Routine werdenden Verhaltens, disziplinieren und überwachen wir uns selbst, durch das Abfragen des richtigen Wissens, Zeigen der richtigen Moral, durch Sanktionen wie Mobbing, Triggern, Liebes- oder Freiheitsentzug. Wir kontrollieren uns gegenseitig, weil die jeweilige Heterotopie mit einer ordnungssystematischen „Übertragungsmacht“ (Gilles Deleuze) ausgestattet ist und dadurch werden wir zu freiwilligen Helfer_innen unseres eigenen Einschlusses.

Das heißt, in den Heterotopien herrscht eine je eigene Ordnungssystematik, ein je eigener Zeitplan, ein je eigenes Spektakel. Durch die Übertragungsmacht der Disziplinierungsmaßnahmen entsteht die Anpassung an die bestehende Ordnung sowie Selbstkontrolle und Selbstbeherrschung.

 

Gehorsame Individuen

Das Ergebnis der jeweiligen Heterotopien ist die Erzeugung von gehorsamen Individuen. Mit dem erfolgreichen Durchschreiten eines Einschließungsmilieus sind wir mit Benimmregeln ausgestattet und werden in den öffentlichen Raum entlassen. Dort befinden sich „nicht nur die Cops“, sondern auch „die Geometrie“ (Raoul Vaneigem); die Kollektivsymbole, die Strukturen, die uns die Wege vorgeben, uns zur Schule, zur Arbeit, zum Sportverein bringen bzw. zum nächsten Einschließungsmilieu. Nehmen wir die für uns vorgesehenen Rollen nicht an, verhalten wir uns anders, droht Krankheit, Gefängnis, Tod. „Man braucht keine Science-Fiction, um sich einen Kontrollmechanismus vorzustellen, der in jedem Moment die Position eines Elements in einem offenen Milieu angibt, Tier in einem Reservat, Mensch in einem Unternehmen (elektronisches Halsband). Félix Guattari malte sich eine Stadt aus, in der jeder seine Wohnung, seine Straße, sein Viertel dank seiner elektronischen (dividuellen) Karte verlassen kann, durch die diese oder jene Schranke sich öffnet; aber die Karte könnte auch an einem bestimmten Tag oder für bestimmte Stunden ungültig sein; was zählt, ist nicht die Barriere, sondern der Computer, der die – erlaubte oder unerlaubte – Position jedes einzelnen erfasst und eine universelle Modulation durchführt. […] Allerdings hat der Kapitalismus als Konstante beibehalten, dass drei Viertel der Menschheit in äußerstem Elend leben: zu arm zur Verschuldung und zu zahlreich zur Einsperrung“, schreibt Gilles Deleuze in seinem „Postskriptum über die Kontrollgesellschaften“. Deleuze und Guattarie fragen in „Anti-Ödipus“:

„Warum kämpfen die Menschen für ihre Knechtschaft, als ginge es um ihr Heil? Warum ertragen sie seit Jahrhunderten Ausbeutung, Erniedrigungen, Sklaverei, und zwar in einer Weise, dass sie solches nicht nur für die anderen Wollen, sondern auch für sich selbst?“ (Deleuze/Guattari)

Vielleicht geben die ordnungssystematischen Funktionen der Heterotopien eine Antwort hierauf.

 

 

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