REVIEW von GUNNAR CLAUßEN @ „BBS“ über BECOMING DISSOLVE

„Becoming-Dissolve“ also. Ich muss sagen, der Titel dieses Albums von Stefan Paulus ist schon in einem gewissen Sinne zutreffend. Mit Musik im herkömmlichen Sinne haben diese 61 Minuten nicht viel zu tun, aber gut, wir sind hier ja auch beim Ambient. „Becoming-Endless“, der „Opener“ dieses Werkes, besteht aus jeder Menge „Was gibt’s denn hier zu hören“-Samples (Gabelstapler? Gespräche? Ratternde Güterzüge?) und einem bedrohlichem, schwebenden Dröhnen im Hintergrund, das gleichzeitig so rhythmisch pulsiert, dass man trotz der Samples im Vordergrund meinen konnte, es mit den maschinellen Vibrationen eines Fährschiffs zu tun zu haben. Im Laufe des Stückes entwickelt sich das Klangbild zwar zu einem regelrecht orgelartigen Pfeifen, ohne aber seine Rhythmik aufzugeben. Zum Ende hin gibt es brummende Synthietöne, die sogar mal ihre Lage wechseln. Ansonsten gelten die Assoziationen hierzu wahlweise György Ligeti oder, angesichts der Orgeltöne, dem ganz frühen Klaus Schulze (fast meint man, hier die Langfassung von „1. Satz: Ebene“ zu hören). Paradox ist noch, dass dieses Stück trotz des Titels das kürzeste auf „Becoming-Dissolve“ ist. Geradezu selbstironisch.

„Becoming-Imperceptible“ fährt im Prinzip eine ähnliche Mischung auf: Im Hintergrund hält sich eine mal ab- und dann wieder anschwellende Mischung aus Brumm- und Rauschtönen, die diesmal weniger an die Maschinen als an das um den Rumpf des genannten Schiffes strömende Wasser denken lassen. Darüber gibt es wesentlich befremdlichere Töne, die wohl aus der Natur stammen müssen: Schmatzende und schnaufende Laute, Wind, Insekten oder Vögel, dazu merkwürdige Gong-ähnliche Klänge. Auch hier macht der „Hintergrund“ eine gewisse Entwicklung durch, denn in der Mitte dieses Stückes tauchen plötzlich hell sirrende Töne auf. Den Abschluss bilden an Glocken und Windspiele erinnernde Klänge. Wie immer recht spooky, alles in allem also, obwohl spartanisch, ziemlich düster und bedrohlich.

Das abschließende „Becoming-Molecular“ wartet dann von Anfang an mit einer Naturkulisse aus Vogelgezwitscher, Insektengesumm, Windrauschen, fließendem Wasser, Donner und Regen auf. Darunter gibt es erneut diese schwirrenden und tremolierenden Orgeltöne, in Abwechslung mit langsam bewegten ultratiefen Klängen, deren Habitus an fernen Walgesang denken lässt. Für eine gewisse Erheiterung meinerseits sorgt die Tatsache, dass im Verlauf des Stückes immer wieder kurz Samples einer Akustikgitarre angespielt werden, die sich an Led Zeppelins „Over The Hills And Far Away“ versucht. Picknick-im-Park-Atmosphäre also. Zum Ende hin klingt die Nummer mit lebhaftem menschlichen Treibem, dem bekannten düsteren Dröhnen, ein paar in der Ferne hallenden Klavierakkorden und Vogelgezwitscher aus.

Somit also das Fazit und die Wertung zu „Becoming-Dissolve“, sofern das überhaupt möglich ist. Zugegeben, die Klangcollagen von Stefan Paulus haben durchaus ihren Reiz und sind stimmungsvoll. Für dieses Album muss man aber wie so oft Abschied von Tonalität, rhythmischer Prägung und klaren Strukturen nehmen. Wenn man das in Kauf nimmt, erhält man mit diesem Werk hier ganz nette Hintergrundbeschallung für tiefsinnige Gedanken, die passende Untermalung für James-Benning-Filme oder auch einfach nur ein paar schöne Anregungen zum aktuell recht angesagten sommerlichen Faulenzen im Garten. Da wird die Länge der Stücke auch zum Vorteil, denn allzu abruptes Einführen neuer Klangelemente würde nur vom Gedankengang ablenken, der genauen Introspektion schaden oder schlicht aus dem bilderreichen Halbschlaf hochschrecken lassen. Und irgendwie müssen solche wabernden Klangorgien ja auch so lang sein.“ (G. CLAUSSEN)

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